Gert Frentz
Gert Frentz leitet den Familienbetrieb und ist auf die Erziehung und Pflege von Spalierbäumen spezialisiert. Die Baumschule besteht seit 1860.
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Spalierbaum immergrün oder laubabwerfend: was passt?
Ein Spalierbaum kostet zwischen 200 und 600 Euro pro Stück. Bei einer Reihe von acht Bäumen entlang der Grundstücksgrenze sind das schnell 3.000 Euro Investition, die zwischen 20 und 40 Jahren in Ihrem Garten steht. Und die Entscheidung beginnt fast immer mit derselben Frage: immergrün oder laubabwerfend?
Die meisten Ratgeber beantworten diese Frage in einem Satz. Wer ganzjährigen Sichtschutz will, wählt immergrün. Wer Blüte und Herbstfärbung will, wählt laubabwerfend. Das ist nicht falsch, aber es ist viel zu einfach. Für rund ein Drittel der deutschen Gärten führt diese Faustregel zu einer Pflanze, die im dritten Winter braune Blätter und kahle Stellen zeigt, obwohl alles richtig gepflanzt und gepflegt wurde. Wir verkaufen mehr immergrüne als laubabwerfende Spalierbäume, aber bei bestimmten Standorten raten wir aktiv von der immergrünen Variante ab. Der Grund liegt in einem Effekt, den online kaum jemand erwähnt.
Was viele beim Vergleich übersehen
Wer im Februar oder Anfang März durch deutsche Gärten geht, sieht ein Muster, das in keinem Online-Vergleich auftaucht. Auf nordseitigen Terrassen stehen Steineichen mit bräunlichen Blattflecken. Kirschlorbeer-Spaliere zeigen kahle Stellen, an denen ganze Blätter abgeworfen wurden. Glanzmispel Red Robin trägt verfärbte, eingerollte Blätter. Daneben steht eine Hainbuche, kahl im strengen Sinn, aber mit goldbraunem hängendem Wintergewand und einer durchgängig sauberen Silhouette.
Was Sie da sehen, heißt Wintersonnenbrand. Es ist kein Krankheitsbild und kein Pflegefehler, sondern ein physiologischer Stress, der nur immergrüne Gehölze betrifft. Bei klarem Wetter und Frost erwärmt die Wintersonne die Blattoberfläche. Das Blatt beginnt zu verdunsten. Der gefrorene Boden liefert aber kein Wasser zu den Wurzeln nach. Das Blatt trocknet aus. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG Veitshöchheim) und der Bund deutscher Baumschulen beschreiben diesen Effekt als eine der häufigsten Winterschäden bei immergrünen Bäumen und Sträuchern in Deutschland.
Besonders hart trifft es Standorte, die nach Süden oder Südosten offen zur Wintersonne stehen und gleichzeitig kalten Ostwind abbekommen. In den Wintern 2020/21 und 2021/22 wurden in Nord- und Ostdeutschland flächendeckende Schäden gemeldet, vor allem an Kirschlorbeer und Steineiche. Schneereflektion verstärkt den Effekt zusätzlich.
Die Hainbuche zeigt diesen Schaden nicht. Sie behält ihr braunes Laub vom Herbst bis zum Neuaustrieb (Marzeszenz). Im Winter ist sie nicht "kahl" im klassischen Sinn, sondern trägt eine dichte, warm gefärbte Wand. Erst im April schiebt der frische Austrieb das alte Laub ab. Wer ausschließlich Pflanzenkataloge liest, geht davon aus, dass immergrün automatisch "schöner im Winter" bedeutet. In der Realität gewinnt eine Hainbuche im März visuell oft gegen eine vom Frost gezeichnete Steineiche. Genau diese Beobachtung fehlt in jeder Top-10-Liste, die Sie online finden.
Wir behaupten nicht, dass immergrüne Spalierbäume eine schlechte Wahl sind. Wir behaupten, dass die Empfehlung "immergrün ist gleich besser" am Standort vorbei geht und in den falschen Gärten zu Enttäuschungen führt.
Wann immergrün die richtige Wahl ist
Trotz des Wintersonnenbrand-Risikos bleibt die immergrüne Variante in vielen Gärten unschlagbar. Drei Konstellationen, in denen wir klar dazu raten.
Erstens: geschützte Standorte. Innenhöfe, Atriumgärten, südlich gelegene Terrassen mit Hauswand im Rücken. Hier fehlt der scharfe Ostwind, die Wintersonne ist diffus, und das Frostbrand-Risiko ist niedrig. Steineiche, Kirschlorbeer und Photinia 'Red Robin' bleiben dort meist schadensfrei und liefern, was sie versprechen: 365 Tage geschlossener Sichtschutz.
Zweitens: Gärten mit klarer moderner Architektur. Wenn die ganze Anlage auf strenge Linien, immergrüne Bodendecker und geometrische Flächen setzt, wirkt eine im Winter braungoldene Hainbuche stilfremd. Hier sortiert die Optik die Entscheidung. Eine Steineiche als Spalier oder die immergrüne Magnolie passen besser zur visuellen Sprache.
Drittens: Sichtschutz auf Augenhöhe das ganze Jahr. Wer im Wohnzimmer sitzt und direkt auf das Schlafzimmerfenster des Nachbarn schaut, akzeptiert kein dreimonatiges Fenster aus halbtransparentem Laub. Hier muss immergrün sein. Punkt. Für genau diese Fälle führen wir unsere Auswahl an immergrünen Spalierbäumen, inklusive Anwachsgarantie und festen Stammhöhen.

Wann ein laubabwerfender Spalierbaum die bessere Lösung ist
Bei freien, windexponierten Standorten raten wir oft zur laubabwerfenden Variante. Eine Hainbuche als Spalier, ein Amberbaum oder eine Spalierbirne tragen im Winter weniger Laub, sind dafür aber unempfindlich gegen die genannten Frostschäden. Was sie tragen, sieht in jedem Winter gleich aus, nicht jedes Jahr neu beschädigt.
Der zweite Vorteil ist Licht. Im Winter wollen die meisten Gartenbesitzer Licht in die Räume hinter dem Sichtschutz lassen. Eine kahle oder braun behangene Hainbuche lässt im Februar und März deutlich mehr Sonne durch als eine geschlossene Steineichen-Krone. Wer auf einer nordseitigen Terrasse oder in einem dunklen Wohnzimmer sitzt, merkt diesen Unterschied sofort.
Drittens: Pflege. Laubabwerfende Spalierbäume werden einmal jährlich geschnitten, meist im Spätsommer. Sie werfen ihr Laub kompakt ab, an wenigen Wochen im November. Immergrüne werfen das ganze Jahr über kleine Mengen Laub ab. Bei Kirschlorbeer und Steineiche ist das spürbar, besonders auf Pflasterterrassen. Wer einen "sauberen" Bodenbereich erwartet, sollte das vor der Bestellung wissen.
Für freie Reihen entlang der Grundstücksgrenze ohne Häuserwand und ohne Windschatten ist die Hainbuche in 80 Prozent der Fälle die robustere Wahl. Sie hält Wind aus, sie hält strenge Winter aus, und sie sieht im Frühjahr und Sommer makellos aus.
Welche Sorten wir in welcher Situation empfehlen
Statt einer langen Sortentabelle mit immergrün-ja-nein-Spalten geben wir Ihnen unsere Empfehlung nach Standort. Diese Tabelle finden Sie so bei keinem anderen Anbieter, weil sie keine Pflanzenliste ist, sondern eine Standort-Empfehlung.
| Standort | Unsere Empfehlung | Warum |
|---|---|---|
| Geschützter Innenhof, Süd | Steineiche, Kirschlorbeer | Voller immergrün-Effekt, kein Wind, kaum Frostbrand |
| Terrasse mit Hauswand im Rücken | Steineiche, immergrüne Magnolie | Hauswand reflektiert Wärme, Wintersonnenbrand selten |
| Nordseitige Terrasse, frei | Hainbuche, Felsenbirne | Mehr Wintersonne durchlassen, kein Frostbrand |
| Grundstücksgrenze, frei, Wind | Hainbuche, Amberbaum | Robust gegen Wintersonnenbrand, pflegeleicht |
| Grundstücksgrenze, geschützt | Kirschlorbeer, Red Robin | Ganzjähriger Sichtschutz möglich |
| Vor Schlafzimmer-Fenster | Steineiche (geschützt) oder Hainbuche-Doppelreihe | Im Schutzfall immergrün, sonst gestaffelt |
| Moderner Architekturgarten | Steineiche, immergrüne Magnolie | Stilkonsistenz |
Wer unter "frei" wohnt und trotzdem immergrünen Sichtschutz will, kann das natürlich tun. Sie sollten aber wissen, dass die ersten zwei bis drei Winter zeigen werden, ob der Standort funktioniert. Eine Steineiche, die im ersten kalten Winter Frostbrand zeigt, wird das wahrscheinlich in jedem strengen Winter wieder tun. Nachpflanzen löst das Problem nicht, weil die Ursache am Standort liegt, nicht an der einzelnen Pflanze.
So entscheiden Sie in vier Fragen
-
Steht der Spalierbaum windgeschützt (Hauswand, Innenhof, Mauer im Rücken)?
Ja: immergrün möglich. Nein: laubabwerfend ist sicherer. -
Brauchen Sie an genau dieser Stelle 365 Tage Sichtschutz, oder reicht ein halbtransparenter Schirm im Februar und März?
365 Tage: immergrün. Akzeptabel: laubabwerfend. -
Wie viel Wintersonne wollen Sie hinter dem Sichtschutz behalten?
Viel: Hainbuche oder Felsenbirne. Egal: immergrün. -
Was passt zur Architektur Ihres Gartens?
Klassisch oder ländlich: Hainbuche. Modern oder klar gegliedert: Steineiche oder immergrüne Magnolie.
Wer bei drei der vier Antworten klar in eine Richtung tendiert, hat seine Antwort. Wer 50-50 steht, sollte beide Pflanzen einmal real im April und einmal real im Februar sehen, bevor er bestellt. Vor unserer Baumschule in Ahaus stehen beide Varianten nebeneinander, das hilft bei der Entscheidung.
Häufige Fragen
Welche Spalierbäume sind immergrün?
Steineiche (Quercus ilex), Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus), Portugiesischer Lorbeer (Prunus lusitanica), Glanzmispel Red Robin (Photinia fraseri) und die immergrüne Magnolie (Magnolia grandiflora). Die Stechpalme (Ilex) wird in einigen Sortimenten ebenfalls geführt. Allesamt halten ihr Laub durch den Winter, allerdings mit unterschiedlicher Empfindlichkeit gegen Wintersonnenbrand.
Welcher Spalierbaum verliert keine Blätter?
Streng genommen verliert jeder Baum laufend Blätter. Aber immergrüne Sorten verlieren über das Jahr verteilt kleine Mengen und behalten optisch eine geschlossene Krone. Steineiche und Kirschlorbeer kommen dem "blätterlos sauber im Winter" am nächsten, wenn der Standort geschützt ist.
Ist ein immergrüner Spalierbaum ein guter Sichtschutz im Winter?
In geschützten Lagen ja. Bei freien, windexponierten Standorten kann der Sichtschutz im Winter durch Wintersonnenbrand und Frostbrand visuell sogar schlechter ausfallen als bei einem laubabwerfenden Spalierbaum mit Marzeszenz, zum Beispiel einer Hainbuche. Lesen Sie dazu auch unseren Artikel zu Spalierbaum-Pflege im Winter.
Wie hoch wird ein immergrüner Spalierbaum?
Die Gesamthöhe ergibt sich aus Stammhöhe plus Kronenhöhe. Übliche Stammhöhen liegen zwischen 180 und 220 Zentimeter, die Krone wird je nach Sorte zwischen 120 und 220 Zentimeter geführt. In Summe Endhöhen zwischen 300 und 440 Zentimeter, also ein vollwertiger Sichtschutz auf zwei Stockwerken.
Sind immergrüne Spalierbäume winterhart?
Die in Deutschland gängigen Sorten sind bis Winterhärtezone 6b oder 7a winterhart, das entspricht etwa minus 20 Grad Celsius. Frostbrand entsteht aber unabhängig von Frosthärte, durch das Zusammenspiel von Wintersonne und gefrorenem Boden. Auch winterharte Sorten sind davon betroffen. Mehr dazu in unserem Beitrag zu immergrünen Halbstamm-Spalierbäumen im Trend.
Kann ich einen immergrünen Spalierbaum auf einer windigen Grundstücksgrenze pflanzen?
Möglich, aber riskant. Wir würden in dieser Situation zur Hainbuche raten oder eine Doppelreihe mit dem immergrünen Spalierbaum hinter einer windbremsenden Strauchreihe planen. Eine Pflanzanleitung mit den richtigen Vorbereitungsschritten hilft beim Anlegen.




